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Archiv für die Kategorie ‘heiter’

Finanzkrise

In heiter on 28/11/2008 at 3:01

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Kurt Tucholsky 1930

Kinderhymne

In heiter on 30/10/2008 at 2:23

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Bert Brecht

Der Anfang menschlichen Lebens

In heiter, lol on 30/05/2008 at 3:48

Drei theologen betrachten die frage, wann menschliches leben beginnt.

Der protestantische Pfarrer: „Nun, in dem moment, da der fötus tatsächlich alleine außerhalb des mutterleibes selbständig atmen kann, da beginnt das menschliche leben.“

Der katholische Pastor: „Du irrst, Bruder, du irrst. Wann immer eine männliche menschliche seele im verlangen nach einer weiblichen menschlichen seele sich ausdehnt und beide damit beginnen, den akt der fortpflanzung zu erwägen, das ist der moment, da menschliches leben beginnt.“

Sagt der Rebbe: „Falsch, Brüder, falsch. Wenn die kinder das haus verlassen, das ist der moment, da das menschliche leben wirklich beginnt.“

Der Schwan

In heiter, lol on 28/05/2008 at 4:55

Heiß. Es ist sehr heiß. Kleiner see in gleißender mittagshitze. Grüner frosch auf blatt, seerose, sonnenschirm, rote badehose. Eine dünne stimme, dünn, durchdringlich wie eine trillerpfeife: „Ich bin ein schwan. Ich!bin!ein!schwan!“

Eine ente, verstört, irritiert. Schaut in die richtung der stimme, erblickt frosch, schwimmt näher, umkreist den amphibienpeter, bunter sonnenschirm, grünes blatt und ebensolcher frosch. Rote badehose. Ente taucht unter das blatt. Kein schwan.

Taucht auf, fängt an zu lachen und prustet: „Nie und nimmer. Du bist kein schwan, du bist’n frosch!“

Frosch öffnet augen, stellt mai tai ab, zieht mit den daumen die rote badehose bis zu den knien runter und sacht: „Guck!“

Guckt die ente mit großen augen und staunt: „Mein lieber Schwan!“

Herr hilf

In heiter, lulando, olamo! on 28/05/2008 at 12:23

Der Herr war etwas ratlos. Da hatte er nun gar wundersam die welt erschaffen, sie mit allerlei grünzeug und tierzeug gefüllt, dem manne leben eingehaucht, ihm eine frau zur seite gestellt, dann alle paar jahrhunderte seine vorstellungen über menschliche lebensführung auf verfügbaren unterlagen festhalten lassen, manchmal eher kurz, dann wieder länger, eine vaterschaft wurde ihm nachgesagt – allerdings verhütete die Römische administration schlimmeres – und zu guter letzt sollte er das alles dann zum letzten mal via erz-engel-express diktiert haben: allein es half nichts.

Man war unzufrieden.

Eine ungenau gefaßte produkthaftung wie gewährleistung führte zu intensiver nutzung der bewährten form der klärung dieser angelegenheiten, dem gebet, und der teil seiner erhabenen Unvorstellbarkeit, der sich den ohne unterlaß eingehenden bitten, fürbitten und lobpreisungen (wenige) widmen mußte, trat in regen selbstkontakt mit sich selbst – ein vorgang, der trinitätsgläubigen leichter zugänglich ist – und beschloß, die zeit eine weile ruhen zu lassen, alle menschen zu laden und ihnen gelegenheit zu geben, die ohne unterlaß vorgebrachten sorgen und probleme an eine riesige mauer zu heften, sich einen tag im garten Eden aller bedrängnisse ledig zu vergnügen – keine sorge: ganz im leib aber latürnich ohne lust.

Anschließend war eine jede seele aufgerufen, sich an der göttlichen pinwand die sorgen und probleme zu suchen, die ihr am besten zusagten. Man schwebte also und untersuchte, wog ab, verglich, erkundete und spekulierte und doch, am ende, als der Große Spaßmacher bereit war, die zeit wieder einzusetzen und den schleier des vergessens über die gewährte pause zu legen, griffen alle wieder zu den widernissen, die gegenstand ihrer fortlaufenden beschwerden gewesen waren und die sie anfangs glaubten loswerden zu wollen.

Du und ich

In heiter, lol on 26/05/2008 at 11:59

Ein elephant machte seinen weg durch den urwald. Er erreichte eine schlucht, über deren tiefe eine marode hängebrücke gespannt war. In vorsichtiger, erfahrener beurteilung der sachlage entschied er, daß die brücke wohl gerade noch stark genug wäre, um sein gewicht zu tragen und machte den ersten schritt, als im letzten moment ein floh in sein ohr sprang. Behutsam überquerte der pachyderm das wackelige gebilde. Auf der anderen seite sicher angekommen, verließ der floh den elephanten und rief:

„Die ham’wa aber mächtig zum wackeln gebracht, Du und ich!“

So isses

In heiter on 25/05/2008 at 6:13

Man war nun wer. Die Müllers hatten durch eine wirkungsvolle mischung von gier und fleiß ein nicht unbeträchtliches vermögen erwirtschaftet, das im letzten jahr durch eine unverhoffte erbschaft auf einen schlag verdoppelt wurde und sie so in den stand versetzte, von jetzt auf gleich sozusagen, „dazu“ zu gehören. Vom geld her konnte man nun leicht mithalten, umgangsformen waren gegenstand täglicher unterweisung durch die strenge haushälterin und ihren ehemann. Allein der mangel an bildung und lebensart war nicht zu übersehen und um in diesem gebiet dennoch kurzfristig erste fortschritte zu erzielen, beschlossen Gerlinde und Eberhardt Müller, dem Golfclub beizutreten und mittels umfangreicher einzelstunden in diesem sport sich hinlänglich hervorzutun.

Nach einigen monaten der unterweisung und übung waren sie nun zum ersten male alleine auf dem rasen. Ein mächtiger schlag des gatten brachte sie in gefährliche nähe einer grandiosen villa mit riesigen glasfassaden. Ohne zu zögern und ohne die mahnung seiner frau zu beachten, setzte Eberhardt zum nächsten schlag an, traf jedoch eher ungefähr den ball, aber krachend und schmetternd eines der großen fenster und war entsetzt.

Nicht über den schaden, denn der war ohne weiteres bezahlbar, jetzt, da…, nein, wegen der blamage, wegen des fehlschlags. Doch es half nichts, die angelegenheit mußte geregelt werden und so machten sich Gerlinde und Eberhard auf, fanden eine offene tür und traten ein in das größte zimmer, das sie je gesehen hatten. Im raume verteilt lagen die splitter des zerbrochenen fensters. Auf dem tisch inmitten der scherben einer zerbrochenen, alten tonflasche erblickten die zerknirrschten Müllers den schuldigen golfball und auf einer chaise longue an der wand einen fast nackten, nur mit einem blauen handtuch bekleideten mann.

Die vorbereitete entschuldigung blieb ungehört stecken, als sie hörten, wie der handtuchträger sie überschwenglich begrüßte:

„Willkommen.“ Er blieb sitzen. „Willkommen und vielen, herzlichen dank. Ich bin ein jinn – “ Eberhardt schaute Gerlinde an „und Ihr habt mich befreit. Drei wünsche muß ich Euch gewähren, wählt jetzt!“

Diese wende traf sie unvorbereitet. Man war erleichtert, der blamage entgangen zu sein, erfreut über die günstige gelegenheit, aber wie Gerlinde so treffend feststellte: „Wir hamm doch alles…“ Der Jinn in seinem blauen handtuch wollte helfen, doch Eberhardt begann: „Vielleicht, eine wohnung in jeder großen stadt der welt.“ Zufrieden lächelte der Jinn Eberhardt an und sprach entschieden und freundlich: „Gewährt!“ Gerlinde war so geistesgegenwärtig, für das notwendige personal zu sorgen.

„Gewährt!“ Der Jinn murmelte scheu. „Wenn Ihr erlaubt, es ist sehr ungewöhnlich, aber ich bitte Euch: zwei wünsche schon hab ich erfüllt und wenn es Euch beliebt, schenkt mir den dritten!“

Gerlinde sah Eberhardt und Eberhardt sah Gerlinde. Großzügigkeit, ja, dankbarkeit war das gebot der stunde und sie erklärten sich einverstanden. Der jinn stand auf, machte ein, zwei schritte auf Eberhardt zu, berührte ihn leicht am arm und deutete mit einer kopfbewegung auf die scherben: „Weißt Du – ich war zweitausend jahre in dieser flasche. Allein. Ich würde sehr, sehr gerne“ und hier faßte er Gerlindes hand „mit Deiner frau eine halbe stunde nach oben gehen, falls Du verstehst…“

Gerlinde sah Eberhardt und Eberhardt sah Gerlinde. Erneut entwickelten sich die dinge schneller, als sie es gewohnt waren. Sie nahmen ein gewisses gefühl der verpflichtung wahr, und unter berücksichtigung der erhaltenen schätze und der im übrigen angenehmen und sympathischen erscheinung der märchengestalt nebst handtuch stimmten sie zu. Gerlinde ab. Jinn auch ab.

Eine halbe stunde später sitzt der mann sehr entspannt am kopfende seines bettes. Sanft hält er Gerlindes hand, zieht sie an sich, gibt ihr einen dicken, letzten kuss und sagt:

„Es ist schon erstaunlich, was menschen alles glauben.“

zum nikolaus

In anonymus, heiter on 06/12/2007 at 2:40

Nikolausgedicht der Frau

Müde bin ich, geh zur Ruh,
mache meine Augen zu.
Lieber Nikolaus bevor ich schlaf,
bitte ich Dich noch um was.
Schick mir mal ‘nen netten Mann,
der auch wirklich alles kann.
Der mir Komplimente macht,
nicht über meinen Hintern lacht,
mich stets nur auf den Händen trägt
und sich Geburtstage einprägt,
Sex nur will, wenn ich grad mag
und mich dann liebt den ganzen Tag.
Soll die Füße mir massieren
und mich schick zum Essen führen.
Er soll treu und zärtlich sein
und mein bester Freund noch obendrein.

Nikolausgedicht des Mannes

Lieber Nikolaus ,
schicke mir eine taubstumme Nymphomanin,
die einen Getränke- oder Fleischhandel besitzt und Jahreskarten fürs Stadion.
Und es ist mir scheißegal, dass sich das nicht reimt!

Das Ganze

In heiter, hellinger on 27/06/2006 at 9:53

Ein berühmter philosoph vertrat die meinung, daß ein esel, der genau in der mitte zwischen zwei gleich großen heuhaufen steht, die beide gleich gut duften und gleich gut anzusehen sind, bestimmt verhungern muß, weil er sich dann nicht mehr entscheiden kann.

Als das ein bauer hörte, sagte er: „So etwas passiert nur einem philosophischen esel. Denn ein richtiger esel frißt statt entweder-oder sowohl-als auch.“

Bert Hellinger
Buridans Esel

Keine Zeit, eine heilige zu sein…

In heiter on 24/06/2006 at 2:07

Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen, auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung und im stürmischen Horizont.Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm an meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind. Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne? Sie ist so schwer zu reinigen und ach, so abscheulich. Hörst du, lieber Herr, die Musik, die ich meine?Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde. Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen.Schenke mir, Herr, dein unermüdliches Herz, dass es in mir arbeite statt des meinen. Mein Morgengebet habe ich in die Nacht gesprochen zur Ehre deines Namens. Ich habe es im Voraus gebetet für die Arbeit des morgigen Tages, die genau dieselbe sein wird wie heute.Herr der Töpfe und Pfannen, bitte darf ich dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten, die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen? Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse; nicht nur um Treppen zu sparen, sondern, dass mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde.Obgleich ich Martha-Hände habe, hab' ich doch ein Maria-Gemüt, und wenn ich die schwarzen Schuhe putze, versuche ich, Herr, deine Sandalen zu finden. Ich denke daran, wie sie auf Erden gewandelt sind, wenn ich den Boden schrubbe.Herr, nimm meine Betrachtung an, weil ich keine Zeit habe für mehr. Herr, mache dein Aschenbrödel zu einer himmlischen Prinzessin; erwärme die ganze Küche mit deiner Liebe und erleuchte sie mit deinem Frieden.

Theresa von Avila