Man war nun wer. Die Müllers hatten durch eine wirkungsvolle mischung von gier und fleiß ein nicht unbeträchtliches vermögen erwirtschaftet, das im letzten jahr durch eine unverhoffte erbschaft auf einen schlag verdoppelt wurde und sie so in den stand versetzte, von jetzt auf gleich sozusagen, „dazu“ zu gehören. Vom geld her konnte man nun leicht mithalten, umgangsformen waren gegenstand täglicher unterweisung durch die strenge haushälterin und ihren ehemann. Allein der mangel an bildung und lebensart war nicht zu übersehen und um in diesem gebiet dennoch kurzfristig erste fortschritte zu erzielen, beschlossen Gerlinde und Eberhardt Müller, dem Golfclub beizutreten und mittels umfangreicher einzelstunden in diesem sport sich hinlänglich hervorzutun.
Nach einigen monaten der unterweisung und übung waren sie nun zum ersten male alleine auf dem rasen. Ein mächtiger schlag des gatten brachte sie in gefährliche nähe einer grandiosen villa mit riesigen glasfassaden. Ohne zu zögern und ohne die mahnung seiner frau zu beachten, setzte Eberhardt zum nächsten schlag an, traf jedoch eher ungefähr den ball, aber krachend und schmetternd eines der großen fenster und war entsetzt.
Nicht über den schaden, denn der war ohne weiteres bezahlbar, jetzt, da…, nein, wegen der blamage, wegen des fehlschlags. Doch es half nichts, die angelegenheit mußte geregelt werden und so machten sich Gerlinde und Eberhard auf, fanden eine offene tür und traten ein in das größte zimmer, das sie je gesehen hatten. Im raume verteilt lagen die splitter des zerbrochenen fensters. Auf dem tisch inmitten der scherben einer zerbrochenen, alten tonflasche erblickten die zerknirrschten Müllers den schuldigen golfball und auf einer chaise longue an der wand einen fast nackten, nur mit einem blauen handtuch bekleideten mann.
Die vorbereitete entschuldigung blieb ungehört stecken, als sie hörten, wie der handtuchträger sie überschwenglich begrüßte:
„Willkommen.“ Er blieb sitzen. „Willkommen und vielen, herzlichen dank. Ich bin ein jinn – “ Eberhardt schaute Gerlinde an „und Ihr habt mich befreit. Drei wünsche muß ich Euch gewähren, wählt jetzt!“
Diese wende traf sie unvorbereitet. Man war erleichtert, der blamage entgangen zu sein, erfreut über die günstige gelegenheit, aber wie Gerlinde so treffend feststellte: „Wir hamm doch alles…“ Der Jinn in seinem blauen handtuch wollte helfen, doch Eberhardt begann: „Vielleicht, eine wohnung in jeder großen stadt der welt.“ Zufrieden lächelte der Jinn Eberhardt an und sprach entschieden und freundlich: „Gewährt!“ Gerlinde war so geistesgegenwärtig, für das notwendige personal zu sorgen.
„Gewährt!“ Der Jinn murmelte scheu. „Wenn Ihr erlaubt, es ist sehr ungewöhnlich, aber ich bitte Euch: zwei wünsche schon hab ich erfüllt und wenn es Euch beliebt, schenkt mir den dritten!“
Gerlinde sah Eberhardt und Eberhardt sah Gerlinde. Großzügigkeit, ja, dankbarkeit war das gebot der stunde und sie erklärten sich einverstanden. Der jinn stand auf, machte ein, zwei schritte auf Eberhardt zu, berührte ihn leicht am arm und deutete mit einer kopfbewegung auf die scherben: „Weißt Du – ich war zweitausend jahre in dieser flasche. Allein. Ich würde sehr, sehr gerne“ und hier faßte er Gerlindes hand „mit Deiner frau eine halbe stunde nach oben gehen, falls Du verstehst…“
Gerlinde sah Eberhardt und Eberhardt sah Gerlinde. Erneut entwickelten sich die dinge schneller, als sie es gewohnt waren. Sie nahmen ein gewisses gefühl der verpflichtung wahr, und unter berücksichtigung der erhaltenen schätze und der im übrigen angenehmen und sympathischen erscheinung der märchengestalt nebst handtuch stimmten sie zu. Gerlinde ab. Jinn auch ab.
Eine halbe stunde später sitzt der mann sehr entspannt am kopfende seines bettes. Sanft hält er Gerlindes hand, zieht sie an sich, gibt ihr einen dicken, letzten kuss und sagt:
„Es ist schon erstaunlich, was menschen alles glauben.“