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Archiv für November 2006

Der Engel des Todes

In irving karchmar on 28/11/2006 at 6:02

lu06112603.gifby Irving Karchmar

Nun höre, wem ohren zum hören gegeben, die geschichte von König Salomon. Jawohl, von Salomon, dem mächtigsten und weisesten aller herscher, dem mächtigsten und weisesten, den je diese welt gesehen hat oder sehen wird. Unermesslich reich war Salomon und er war von solcher weisheit, wie nur Allah sie verleihen kann.

Und hört: er befahl dem wind, den menschen und auch den djinn, den vögeln und den tieren. Sie alle waren ihm ergeben. Und doch verlor er Gottes gunst, denn weder reichtum noch macht noch weisheit brachten ihm erleuchtung.

Eines tages, während König Salomon sich alleine im königlichen garten erging, da begegnete ihm Azrael, der Engel des Todes; dieser schritt mit äußerst besorgter miene auf und ab. Salomon kannte den Diener des Todes wohl, denn durch seine gabe des sehens hatte er oft den tod geschaut, wie er über den schlachten schwebte oder den zelten der kranken und verwundeten. Als Salomon fragte, was ihm sorgen mache, da seufzte der engel und sprach, auf seiner liste der für die nächste welt bestimmten befänden sich zwei schreiber Salomons, die brüder Elihoreph und Alijah.

Der gedanke an den verlust seiner schreiber betrübte Salomon, denn er hatte sie seit kindestagen gekannt und liebte sie wie brüder. Und so befahl der dem Djinn Elihoreph und Alijah zu der sagenumwobenen stadt Luz zu bringen, der einzigen stelle auf der erde, wo der Tod keine macht hat. Sofort befolgte der Djinn des königs befehle, aber die beiden schreiber hauchten ihr leben aus, genau in dem moment, als sie die tore der stadt erreichten.

Am nächsten tage begab sich Azrael zu Salomon. Der Engel des Todes war hoch erfreut und sprach: „Ich danke Dir, o könig, für die beförderung deiner diener zur vereinbarten stelle. Ihr schicksal bestimmte sie, an den toren jener fernen stadt zu sterben, und ich hatte doch keinerlei ahnung, wie sie diese große entfernung zurücklegen sollten.“

Nun weinte der könig über alle maßen, sorge und zorn zerrissen ihn beim tod seiner freunde und angesichts des unausweichlichen schicksals der menschen. Und Azrael staunte sehr: „Worüber weinst Du, O Herr der Welten?“

„Über die alten freunde meiner jugend, die nun nicht mehr sind.“ sagte der könig. „Hast denn du kein mitleid mit denen, deren leben endet?“

„Mitleid?“ rief zornig Azrael. „Du weinst, weil du ihre gesellschaft verloren hast. Deine eigentliche trauer gilt dir selbst, und dein zorn ist nichts als selbstmitleid. Leider verschleiert dies deine weisheit. Der tod ist das erlesenste geschenk Gottes, das aus all den flüchtigen freuden und vielen sorgen des lebens jenen einen tropfen gewinnt, der die seele ist. Aus solchem weine, o könig, schenkt man den See des Lichts. Lobe Allah, daß ich, der dir der engel des todes ist, in wahrheit der Engel der Gnade bin.“

From Master of the Jinn: A Sufi Novel